Kinder mit Behinderung und schwierigem Verhalten

Bis vor ungefähr drei Jahren habe ich hauptsächlich mit Neugeborenen & Babys gearbeitet. Da gehörte das Thema „schwierige Verhaltensweisen“ also nicht wirklich zum Alltag. Das erste Kind mit Behinderung bzw. Familie, die ich begleitet habe, in der herausfordernde Verhaltensweisen vorkamen, war ein 7-jähriges Mädchen mit Komplexer Behinderung (schwerstmehrfach-Behinderung). Ich war zwar sehr gerne in der Familie, aber ich bin auch oft an meine Grenzen gestoßen. Den Kopf gegen die Wand schlagen, Beißen, Weglaufen, Haare ausreißen, essen und anschließend wieder erbrechen gehörten bei der Familie genauso zum Alltag wie Schlafen, Essen und Trinken. Natürlich hatte ich in meinem Studium einiges über solche Verhaltensweisen gelernt, aber die Realität ist einfach oft weit von der Theorie entfernt. In vielen Situationen hilft es einem de facto nicht theoretisch zu wissen wie man handeln sollte, wenn man in der praktischen Umsetzung meistens keine zehn Sekunden Zeit hat um zu reagieren.

Was ist herausforderndes Verhalten ?

Aber was ist „herausforderndes Verhalten“ eigentlich ? Die Bezeichnung leitet sich von dem international verwendeten Begriff „challenging behavior“ ab. Wegen des sinnverwandten Gebrauchs des Wortes ‚Herausforderung‘ für ‚Provokation‘, hat sich im deutschsprachigen Raum die Übersetzung ‚herausforderndes Verhalten‘ allerdings nicht überall als Fachbegriff durchgesetzt. Er betont jedoch die besondere Herausforderung (challenge) für das soziale Umfeld in Bezug auf das Verstehen von Verhalten und auf die Betreuungsart und – intensität, die auf das besondere Verhalten erfolgen sollte. Zu den sogenannten Verhaltensweisen zählen u. A. Schreien, (Auto-) Aggression wie Beißen, Schlagen, Kratzen, den Kopf gegen Gegenstände hauen, Haare ausreißen, sich selbst schlagen, Gereiztheit, Wutausbrüche, aber auch Apathie, Rückzug in Stereotypie, Verweigerung, uvm.

„Menschen, die sich richtig verhalten können, werden es auch immer tun“ – Bo Hejlskov Elvén

Im Grunde ist herausforderndes Verhalten also ein Verhalten, dass hauptsächlich den Menschen um die betroffene Person Probleme bereitet. Denn Eines sollte einem immer klar sein, Menschen mit geistiger Behinderung und/oder Autismus-Spektrum-Störung sind selten in der Lage sich in andere hineinzuversetzen & vorausschauend zu planen bzw. zu handeln. Dementsprechend liegt ein beabsichtigtes Provozieren selten ihrem Handeln zugrunde. Menschen, die schwieriges Verhalten zeigen, sehen in der Situation keine andere Strategie/Alternative. Für sie macht ihr Verhalten immer Sinn und wenn sie sich tatsächlich anders verhalten könnten, würden sie dies auch tun.

Mich hat es tatsächlich einige Zeit gekostet, diese Erkenntnisse zu verstehen & mich in solchen Situationen stets zu fragen für wen genau das Verhalten nun problematisch ist. Natürlich sollte man v.a. bei fremd-/selbstgefährdendem Verhalten immer sofort intervenieren, aber auch hierbei liegt meiner Meinung nach der Schlüssel in den Auslösern für die Verhaltensweisen & unserem Umgang damit. Dass Eltern und andere Bezugspersonen damit überfordert sind, erscheint vor der Tatsache, dass auch Fachkräfte hier oft an ihre Grenzen stoßen zudem völlig nachvollziehbar.

Was kann man also tun?

Was kann denn nun hilfreich sein ? Auch hier gilt, wie immer eigentlich, dass es keine einheitlichen Anleitungen und Tricks gibt. (Werbung, unbeauftragt! Bei diesem Text handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der unbeabsichtigt durchaus eine werbende Wirkung haben könnte, ohne dass ich von irgendeinem Unternehmen dafür beauftragt wurde!) Aber in Bo Hejlskov Elvens Werk „Herausforderndes Verhalten vermeiden“

finden sich zahlreiche Anregungen, die in der Arbeit bzw. dem Alltag mit behinderten Kindern und herausfordernden Verhaltensweisen überaus hilfreich sowie deeskalierend wirken. In Anlehnung an seine Empfehlungen und meine persönlichen beruflichen Erfahrungen der letzten Jahre findet ihr hier eine Liste mit den praktischsten Tipps für akute Situationen mit herausforderndem Verhalten :

  1. Vermeidung von Blickkontakt, um einen zusätzlichen Stressfaktor zu umgehen
  2. Berührung meiden
  3. Vermeidung von „Stärke demonstrieren“, sprich Stimme nicht heben, persönliche Distanz/Grenzen wahren, usw.
  4. ruhig und unaufgebracht sprechen
  5. möglichst kontrolliert, strukturiert & vorhersehbar reagieren
  6. warten, umlenken und/oder ablenken
  7. Verständnis für den Auslöser demonstrieren & kommunizieren (UK)

All diese Strategien sollen dem Kind dabei helfen, in seine Selbstkontrolle zurückzufinden und die Stresssituation zu bewältigen. Es fällt uns oft schwer gewisses Verhalten, insbesondere so etwas wie Beißen, Schlagen, Spucken, Kratzen, Beschimpfungen, usw., nicht als persönliche Provokation wahrzunehmen und stattdessen unsere eigenen Emotionen zu regulieren. Dies ist allerdings entscheidend im Umgang mit behinderten Kindern mit herausforderndem Verhalten. Unsere Emotionen übertragen sich ausnahmslos auf sie. Bleiben wir selbst also nicht ruhig, dann haben Kinder so gut wie keine Chance in einer solch hohen Stresssituation in ihre Selbstkontrolle zurückzufinden. Auch nicht-behinderten Kindern fällt es übrigens schwer sich im sogenannten ‚Chaos-Zustand‘ selbst zu regulieren.

Kinder sind ein Spiegel ihres erwachsenden Umfeldes. Um herausforderndes Verhalten zu vermeiden ist es demzufolge unabdingbar, dass die Erwachsenen um das Kind ihre Verhaltensweisen anpassen.

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